Vom Mittelalter bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts mussten Bauern ihrem Grundherrn nicht nur die verschiedensten Natural- und Geldsteuern bezahlen, sondern auch dem Pfarrherrn jede zehnte Garbe (den sogenannten Großzehent) abliefern. An bestimmten Tagen im Jahr musste dieser Zehent entweder im Pfarrhof selbst oder bei einem bestimmten Bauern in den Filialdörfern abgeliefert werden - dem sogenannten "Zehetmayer". Für die Englschalkinger und Daglfinger war der Zehetmayr in Daglfing, Hausnummer 3 (später Kunihohstraße 12) zuständig. Dieser Hofpächter tauchte im Grundbuch des Hochstifts Freising um 1180 auf, im 15. Jahrhundert wurde er bereits mit einem Namen geführt: Thomas Zehetmaier.

 

Der durch die Hungersnöte und Kontributionen des Dreißigjährigen Krieg verarmte Hof wechselte nach 1691 oft den Besitzer. Genannt werden in den Katastern Pauweber, Wagner, Hauser, Steingraber. 1812 ist als Eigentümer des mittlerweile wieder auf 221 Tagwerk angewachsenen Hofes im Gesamtwert von 7360 Gulden ein Franz Hauser eingetragen, der sich damit in die Reihe von drei weiteren "Großbegüterten" in Daglfing einreihen konnte: "beim Proßer", "beim Ebner" und "beim Bauern".

 

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Ab 1846 wurde der Zehetmayrhof, der mit der Aufhebung des Zehents in diesen Jahren seine eigentliche Aufgabe verloren hatte, zum Spekulationsobjekt. Schließlich geriet der Hof in Besitz des Ebersberger Landwirtssohns Josef Landerer, der 1864 die Konzession für den Bierausschank erhielt. Damit war der Zehetmayrhof mit seinem schattigen Garten zwei Jahrzehnte lang die erste Wirtschaft Daglfings. Der heutige "Gasthof zur Post" (Kunihohstraße 5) durfte erst seit 1892 Bier ausschenken, der "Kernhof" an der Denninger Straße erhielt gar noch ein Jahr später von der Gemeinde Daglfing das Recht zur "Verabreichung von warmen und kalten Speisen, Bier und Schnaps.

 

In den folgenden Jahren erlebt der Hof wieder wechselnde Besitzer, bis 1889 das Rentiersehepaar Paul und Maria Stadler das Anwesen im Tausch gegen Bauplätze in Neuhausen erwarb und er bis ungefähr 1960 im Besitz dieser Familie verblieb. Mit seinem Beruf als Landgerichtsdirektor konnte der Sohn des Ehepaars, Adolf Stadler (1865 - 1926), das 265 Tagwerk große Gut nicht selbst bewirtschaften und besorgte sich Pächter. Außerdem verpachtete bzw. später auch verkaufte er dem Rennverein Riem rund 100 Tagwerk (die sogenannten "Stadlerwiesen" im Osten Daglfings), da nach der Eröffnung des Galopprennplatzes 1897 dringend Trainierbahnen benötigt wurden. In Anerkennung seiner Verdienste um den Riemer Rennverein benannte die Stadtgemeinde München 1937 eine Straße in Daglfing nach ihm.

 

Nach Stadlers Tod 1926 wurden die Gründe nach und nach verkauft, so dass der Erbengemeinschaft zum Schluss nur noch 2,6 Hektar übrig blieben und der Besitz schließlich gar nicht mehr gehalten werden konnte. Die Gebäude wurden ungefähr um 1960 abgebrochen, und 1980 die Wohnanlage "Dianapark" auf dem Areal errichtet. Das Bayerische Denkmalschutzgesetz von 1973 kam für den alten Zehetmayrhof in Daglfing leider zu spät.

 

 

 

 

Quelle: Fritz Lutz, "Der alte Zehetmayrhof", in: Stadtteilzeitung "Wir in Bogenhausen", Ausgabe Nr. 5, April 1984.

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