Paula und Siegfried Jordan

 

Die Jordans besaßen 30 Jahre eine Galerie in der Prinzregentenstraße 2, gegenüber dem Haus der Kunst. Sie stellten Bilder in Kurbädern von Bad Kissingen bis Norderney aus, bis sie ihre Kunstgalerie zwangsweise verkaufen mussten. Auf einmal durften sie nur noch bestimmte Geschäfte betreten, die Trambahn nicht mehr benutzen. Überall hieß es „Juden unerwünscht“. Doch trotz der immer größer werdenden Ausgrenzung und Gefahr wollte Siegfried Jordan nicht fliehen. Siegfried „Fritz“ Jordan, Sohn jüdischer Eltern, war jemand, den man als „waschechten“ Bayern bezeichnen könnte. Manchmal fuhr er mit dem Rad nach Lenggries, um dort sofort auf seine geliebten Skier zu steigen. Mit seiner Frau Paula (geb. Frank) und seinem Sohn Peter, der am 5. Oktober 1923 in München geboren ist, wohnte er seit 1925 in der Mauerkircherstraße 13 im Herzogpark.

 

Paula und Siegfried waren sehr verschieden, vielleicht waren sie gerade deshalb verheiratet. Sie interessierte sich neben der Kunst auch für Musik und Literatur. Er war eher still. Als Sohn eines Viehhändlers wurde er am 18. Juli 1889 in München geboren und verlebte seine Kindheit mit sieben Geschwistern in der Häberlstraße. Im ersten Weltkrieg diente der beim Bayerischen Militär als Gebirgsjäger. Nach seiner Kaufmannsausbildung spezialisierte er sich auf Kunsthandel.

 

Am 16. Dezember 1921 heiratete er Paula Frank in Kissingen. Die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie wurde am 17. Mai 1889 in Steinach an der Saale geboren. Vor ihrer Heirat war sie im ersten Weltkrieg als Krankenschwester tätig.

 

Nach der „Reichskristallnacht“ veränderte sich das Leben der Familie Jordan komplett. Möbel aus ihrer Wohnung in der Mauerkircherstraße 13 wurden mit der Begründung des „Schutzes von deutschem Kulturgut“ beschlagnahmt. Fritz Jordan wurde für mehrere Tage im KZ Dachau inhaftiert. Im Mai 1939 glückte ihrem damals 15-jährigen Sohn Peter Jordan zusammen mit Verwandten von Paula die Flucht nach London. Ihre Galerie mussten sie verkaufen.

 

In München verschärfte sich während dessen die Situation: Das Ehepaar Jordan und die Nichte Ursula Gebhardt mussten am 14. April 1940 aus ihrer 5-Zimmer-Wohnung im Herzogpark ausziehen und sich mit einer anderen Familie eine Wohnung in einem jüdischen Haus in der Reitmorstraße teilen. Am 16. April 1941 zogen sie in eine Pension in der Leopoldstraße. Am 20. November 1941 mussten sie sich im Barackenlager in Milbertshofen (Knorrstraße 148) mit Gepäck zur Deportation einfinden. Von dort wurden sie nach Riga/Lettland deportiert. Sicher ist, dass sie Riga nie erreichten. Am 25. November 1941 wurden beide in Kaunas/Litauen erschossen, zusammen mit 1000 anderen jüdischen Mitmenschen, unter ihnen auch Elisabeth Braun.

 

Quelle: Anya Deubel und Lucia Hundt, Schülerinnen, 2004, nach einem Interview mit Ursula Gebhardt für das Ausstellungsprojekt zu jüdischem Leben in Bogenhausen und Dokumentation „auf einmal da waren sie weg ...“ © Wolfram Kastner

 

 

 

 

Für Paula und Siegfried Jordan wurden am 25. Mai 2004 in der Mauerkircherstraße 13 im Herzogpark Stolpersteine verlegt. Der Rundfunk und die Presse berichten über das „Projekt Stolpersteine“. Am 16. Juni 2004 beschließt der Stadtrat eine Ablehnung dieses Projekts und lässt noch am selben Tag die Steine entfernen. “Ein schwarzer Tag für die Erinnerungskultur in Deutschland” so die Kunsthistorikerin Dr. Susanna Partsch von der Initiative Stolpersteine in München e.V. über den Vorgang. Die Entfernung durch das Münchner Baureferat war eine Konsequenz des am gleichen Tag vom Stadtrat verhängten Verbots der Verlegung von Stolpersteinen. Hinzu kam die ungehörige Infamie, dass die Gedenksteine auf den Friedhof der jüdischen Gemeinde gebracht wurden bis eine Angehörige von Peter Jordan sie in ihre Obhut nahm.

 

Im Frühwinter 2014 wird der Stadtrat ein Hearing – vorbehaltlich die Zustimmung des Stadtrates Anfang Oktober – über das Verbot abhalten. Zu diesem Termin wird Peter Jordan, Jahrgang 1923 und wohnhaft in der Nähe von Manchester, als Hochbetagter die für ihn beschwerliche Reise nach München auf sich nehmen. „Gerechtigkeit. Ich will für München erreichen, was für 48.000 Opfer in 1136 Städten durch Stolpersteine schon erreicht wurde: Ein würdiges und öffentliches Andenken,“ so Peter Jordan über die Beweggründe seiner Reise. Die herausgerissenen Stolpersteine aus München finden in der Ausstellung „Festakt oder Picknick? Deutsche Gedenktage“ im Haus der Geschichte in Bonn  am 3.10.2014 bis 11.09.2014 als Exponate einen Platz.

 

 

 

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