Heinrich Düll (links) und Georg Pezold (mit Hund) um 1900; Buchscan aus Götz, s.o., S. 259.
Heinrich Düll (links) und Georg Pezold (mit Hund) um 1900; Buchscan aus Götz, s.o., S. 259.

Düll, Heinrich

* 19. September 1867 in München

† 17. März 1956 auf Frauenchiemsee

Bildhauer

Der Sohn eines Bildhauers und Lehrers an der Nürnberger Kunstgewerbeschule erlernt ebenfalls das Bildhauerhandwerk, zunächst an der Kunstgewerbeschule in München. Dort lernt er 1885 Georg Pezold kennen, mit dem er zeitweise eine Arbeitsgemeinschaft eingehen und dem er ein Leben lang in tiefer Freundschaft verbunden bleiben wird. Zusammen studieren sie beim dem Bildhauer Anton Heinrich Hess und dem Architekten Leonhard Romeis. Am 24. April 1887 werden Düll und Pezold als die beiden einzigen erfolgreichen Bewerber in die Bildhauerklasse von Syrius Eberle, dem Lehrstuhlinhaber für christliche Plastik an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste, in München aufgenommen. Hier studieren sie bis 1893, unter anderem bei dem Architekten Friedrich Thiersch, der als Professor der Technischen Hochschule an der Akademie Vorträge zur Architektur hält.

1894 zieht die Familie Düll in den erst 1892 eingemeindeten Stadtteil Bogenhausen, in die Möhlstraße 31, wo der Bildhauer in der Villa seiner Mutter eine Ateliergemeinschaft eröffnet. Eine günstige Lage, denn der neu entstehende vornehme Villenvorort hält in den folgenden Jahren für beide Künstler genügend Kundschaft bereit. Dennoch haben es die beiden nicht leicht, in der Kunststadt München zu überleben, gibt es doch jede Menge aufstrebende Konkurrenten. Ein vielseitiges Betätigungsfeld war daher unabdingbar und die Künstlergemeinschaft Düll / Pezold entwirft plastische Arbeiten an Denkmälern, Brunnen, Gebäuden, fertigt Goldschmiedearbeiten und Festdekorationen. Als während des Ersten Weltkriegs und der Inflationszeit danach Großaufträge für die beiden ausblieben, entwickeln sie sogar eine eigene »Bogenhauser Keramik«, Werkstatt und Brennofen stehen im weitläufigen Garten der Villa in der Möhlstraße 31. Oft kann der jeweilige Anteil der beiden Bildhauer an den Werken nicht mehr unterschieden werden, in jedem Fall gehören ihre Arbeiten aber zu den besten Münchner Plastiken der Zeit und sie zeigen sich sowohl als einheitliche als auch als eigenwillige Gesamtschöpfungen.

Im Zuge der rasanten Bautätigkeit der Stadt um die Jahrhundertwende arbeiten die beiden Künstler auch mit dem bekannten Bauunternehmen Heilmann & Littmann zusammen. Zahlreiche Bauplastiken entstehen an öffentlichen Gebäuden, so zieren zum Beispiel noch heute die drei Schiffe auf den Giebelfirsten das Kaufhaus Oberpollinger in der Neuhauser Straße, im Münchner Nordosten zeugt unter anderem das Tympanon am Portal der Kirche Heilig Blut, der St.-Georgi-Brunnen oder die Allegorien der vier Elemente auf der Max-Joseph-Brücke von ihrem Können. Am bekanntesten wird die Arbeitsgemeinschaft aber (in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Max Heilmaier) durch den Gewinn des Wettbewerbs zum Friedensdenkmal (1896), das eines der Wahrzeichen der Stadt München werden soll.

Nachdem die Düll-Villa im Zweiten Weltkrieg durch Bomben schwer beschädigt wird, zieht Heinrich Düll nach Frauenchiemsee, wo er am 17. März 1956 hochbetagt stirbt. Sein Grab befindet sich auf dem dortigen Friedhof. Sein altes Lebens- und Schaffenszentrum in der Villa in der Möhlstraße 31 aber wird 1971 komplett abgebrochen – rechtzeitig vor Inkrafttreten des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes im Jahr 1973.

Repräsentation einer illustren Gesellschaft

In seinem leider Stand 2010 vergriffenen Buch zur Möhlstraße (Neuauflage geplant) zeichnet Dr. Willibald Karl ein wunderbares Bild der Bogenhauser Gesellschaft zur Prinzregentenzeit, in deren Mittelpunkt ohne Zweifel auch die Düll-Villa in der Möhlstraße 31 stand. Der von Düll und Pezold (in Zusammenarbeit mit Max Heilmaier) geschaffene Friedensengel (1899 eingeweiht) kann dabei getrost als Symbol dieser Gesellschaft im neuen Bogenhausen angesehen werden – eines nationalliberal-konservativen Großbürgertums, das den Profit der nationalen Einigung auf der Spitze Bismarck’scher Bajonette und Krisendiplomatie auskostete und feierte. In diesem Großbürgertum des Fin de Siècle hatte sich Karriere- und Profitstreben von Hochbürokratie und Hochfinanz, Kunst und Kultur, Bildung und Erfindergeist, Bauernschläue und Unternehmertum zu einer illustren Gesellschaft geeinigt.

Ein bodenständiges Abbild dieser Gesellschaft war sicherlich die Ateliergemeinschaft Düll und Pezold, an der eine ganze Reihe weiterer Künstler teil hatte – im Gegensatz zu den Selbstdarstellungen der »Künstlerfürsten« jener Zeit, wie sie zum Beispiel Franz von Stuck in der nahe gelegenen Stuckvilla inszenierte …

Die Fähigkeit der beiden Künstler zur Synthese scheint sich nicht nur in ihrem künstlerischen sondern auch in ihrem gesellschaftlichen und geselligen Leben wiederzuspiegeln. Die beiden in den Stadtteil »Zuagroastn« (Pezold war gebürtiger Sachse) hatten sich mit gutsituierten und bodenständigen Töchtern verheiratet (Düll mit Pauline Selmayr, der Tochter des größten Grundbesitzers und letzten Bürgermeisters von Bogenhausen, Josef Selmayr jr., Pezold mit Magdalena Sporrer, einer Wirtstochter aus Freising). Das Gemeinschaftsatelier (Pezold hatte eine Wohnung ums Eck, in der Ismaninger Straße bezogen) und der Salon in der Düll-Villa wurden zum Treffpunkt des neuen und alten Bogenhausen, junge Künstler und die Selmayr’schen Verwandtschaft schienen sich bestens verstanden und amüsiert zu haben.

Düll und Pezold waren integrierter Bestandteil der Bogenhauser Gesellschaft, sie verkehrten in der angesehenen und beliebten Betz’schen Gastwirtschaft, wo sie mit den Honoratioren des Viertels am Stammtisch in der »Millionärstrinkstube« saßen, sie gründeten in den 1920er-Jahren die Bogenhauser Künstlerkapelle, die als Träger örtlicher Kultur mit ihren Konzerten und Auftritten stadtweit zu Ehren kam und sie können auch als Retter der Kirche St. Georg gelten, denn mit einer von ihnen initiierten Unterschriftenaktion (»Bürgerinitiative« 1933) wandten sie sich gegen Abriss- und Umbaupläne.

Literatur:

Willibald Karl: Die Möhlstraße. Keine Straße wie jede andere, München1998.

Norbert Götz (Hrsg.): Friedensengel. Bausteine zum Verständnis eines Denkmals der Prinzregentenzeit, München 1999.

Dorle Gribl: Prominenz in Bogenhausen, München 2009.

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