Gesamtansicht der Siedlung Steinhausen 1933. Quelle: "Dörfer auf dem Ziegelland", hrsg. von Willibald Karl
Gesamtansicht der Siedlung Steinhausen 1933. Quelle: "Dörfer auf dem Ziegelland", hrsg. von Willibald Karl

Siedlung Steinhausen / Reichskleinsiedlung

Steinhausen

Anfang 1930, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und großer Arbeitslosigkeit, erging unter Reichskanzler Heinrich Brüning die dritte Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen sowie zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen. Sie enthielt auch die Bestimmungen, die 1932 die als »Reichskleinsiedlung« gebaute Siedlung zwischen Zamdorfer und Weltenburger Straße in Steinhausen ermöglichte. Ziel des Wohnungsprogramms war die Schaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen. Die späteren Siedler sollten bereits während der Bauphase mitarbeiten und später, durch Obst- und Gemüseanbau sowie Kleintierhaltung, einen hohen Selbstversorgungsgrad erreichen.

Die Stadt München stellte das Grundstück mit 85 ha zur Verfügung. Die rechteckigen Parzellen für 111 Siedlerstellen mit jeweils ca. 600 bis 800 qm Grundfläche liegen mit der Schmalseite an der Straße. Errichtet wurden freistehende Einheitshäuser mit einer Grundfläche von 7 x 7,70 Meter und einem Stall im Haus. Im Erdgeschoss gab es eine Wohnküche mit 13,8 qm, ein Kinderschlafzimmer mit 7,2 qm und einen Elternschlafraum mit 8,5 qm, den Stall mit 10,5 qm und einen Abort. Vom Vorraum gelangte man in die Wohnküche mit dem anschließenden Kinderzimmer und dem dahinter liegenden doppelt gefangenen Elternschlafraum. Im Dachgeschoss befand sich über dem Stall ein 7qm großer Heuboden und zwei ausbaufähige Schlafräume zu 7 und 18 qm. Das Haus war auf 18 qm teilweise unterkellert, ein Bad gab es nicht.

Siedlungsstraßennamen: Rhön-, Jura-, Mosel-, Eifel-, Schwarzwald-, Neckar-, Elbestraße. 1953 wurde die Weltenburger Straße ausgebaut und die anliegenden Siedler mussten dafür unentgeltlich Gartengründe abtreten.

Die Häuser wurden in Fachwerkbauweise gebaut, d.h. es wurde ein tragendes Holzskelett aufgestellt und mit Hohlblocksteinen ausgemauert. Die Decke im Obergeschoss war eine Holzbalkendecke, die Außenseiten beim Stall bestanden aus einer Holzschalung. Die übrigen Außenwände wurden verputzt und weiß gestrichen. Die Häuser schloss man gleich an das städtisches Wasserleitungsnetz an, eine Abwasserkanalisation erfolgte erst in den Jahren 1971 bis 1975. Die Siedleranwärter setzte man zum Bau als Hilfskräfte ein. Sie wurden den Baufirmen zugeteilt und mussten ihre Mindestarbeitszeit von ca. 1600 Stunden im Wert von 500 Reichsmark ableisten. Während der Bauzeit verloste man die einzelne Häuser an die Siedler. Konnte ein Siedler seinen Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Entrichtung des Pachtzinses, nicht nachkommen so konnte ihm gekündigt werden. Die Verwaltung der Siedlung übernahm die Gemeinnützige Reichskleinsiedlungsgenossenschaft München-Zamdorfer Straße e.G.m.b.H. Nach der Übergabe der Siedlerstelle hatten die Bewohner am 1. Werktag eines jeden Monats einen Pachtzins von 4 Reichsmark zu zahlen, ab dem Januar 1934 kam der Hypothekenzins dazu. Die Erhebung der Gebühren für Wasser und Strom lief ebenfalls über die Genossenschaft. Im August 1935 übertrug die Stadtverwaltung die Trägerschaft der Siedlung an die GWG (heute Gemeinnützige Wohnstätten- und Siedlungsgesellschaft m.b.H. München) um sich mit den Arbeiten für die Verwaltung nicht weiter zu belasten.

Von der sparsamen Bauweisen der Zamdorfer Kleinsiedlung, ohne Wirtschaftsraum mit Waschküche und im Haus eingebautem Stall, kam man bei den später geplanten Siedlungen ab. Schon im September 1936 war es nötig, nachträglich Belüftungseinrichtungen in die Häuser einzubauen. Durch falsche Behandlungsweise, „weil die Siedlerfrauen in der kleinen Wohnküche waschen, Wäsche trocknen und Futter kochen mussten“, traten erste Schäden an der Fachwerkkonstruktion auf.

1942 lebten in der Siedlung 578 Personen in 130 Haushalten. Mehrere Häuser wurden bis Ende des Zweiten Weltkriegs beschädigt oder total zerstört. Bis zum Jahre 1960 gingen die Siedlerstellen in das uneingeschränkte Eigentum der Bewohner über.

Im Jahr 1953 wurde die Kriegsopfer-Gedenkstätte an der Moselstraße eingeweiht, auf der die Namen von 47 im 2. Weltkrieg 1939 – 1945 gefallenen, vermissten oder verunglückten Siedler eingraviert sind.

Text:

Karin Bernst, „Ein Spaziergang durch den Münchner Nordosten“, Kalender 2002

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