Ernst Rattenhuber

Rattenhuber, Ernst

* 4. August 1887 in München

† 16. November 1951 in München

Staatsrat, Bayerns erster Vertreter in Bonn

Der 1887 in München geborene Ernst Michael Rattenhuber schloss 1910 sein Studium in Weihenstephan als Diplomlandwirt ab und übernahm zwei Jahre später nach dem frühen Tod seines Vaters Franz Rattenhuber, zusammen mit seinem Bruder Walter, den elterlichen großen Bauernbesitz in Englschalking und Johanneskirchen. (Er wurde von der Familie auch zum Leiter der Wagnerschen Erbengemeinschaft berufen, der ein erheblicher Teil der Grundstücke im Münchner Osten gehörte). Verheiratet war Ernst Rattenhuber mit Hedwig Selmayr (1891–1965), der Tochter des letzten Bürgermeisters von Bogenhausen, Josef Selmayr jr.

Während des Ersten Weltkrieges war er zeitweise Ordonnanzoffizier des Prinzen Franz von Bayern. Diese Position ermöglichte ihm nach dem Krieg die Stelle des Verwalters von Gut Leutstetten. In der Weimarer Republik schloss sich Ernst Rattenhuber keiner Partei an, stand aber der Bayerischen Volkspartei nahe. 1933–1945 als landwirtschaftlicher Berater des Befehlshabers im Wehrkreis XIII und VII tätig, beteiligte sich Rattenhuber als Major an der Vorbereitung der Operation »Walküre«, der Planung des militärischen Umsturzes nach dem Attentat vom 20. Juli 1944. Zeitgleich hatte ein Cousin von Ernst Rattenhuber, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Johann (Hans) Rattenhuber (1897–1957), im NS-Regime Karriere gemacht und war seit 1933 hauptverantwortlich für den Personenschutz von Adolf Hitler. Im Frühjahr 1945 erlebte er als Angehöriger der engsten Entourage von Hitler dessen letzte Lebenswochen im Berliner Führerbunker und schließlich seinen Suizid am 30. April mit.

Am 9. Mai 1945, also am Tage nach der Kapitulation, setzten die Amerikaner Ernst Rattenhuber als Direktor des Bayerischen Landesamtes für Ernährung und Landwirtschaft ein. Am 25. Mai 1945 beförderte ihn die für Bayern zuständige Militärregierung zum »Landesbauernvorsteher für Bayern mit der Verantwortlichkeit für die Organisation, Überwachung und Kontrolle der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelbearbeitung, der Fischerei und des Jagdwesens«.

In gleicher Funktion wurde er von den Amerikanern dem Kabinett des Ministerpräsidenten Fritz Schäffer zugeordnet. Am Tag der Entlassung Schäffers, dem 28. September 1945, trat Rattenhuber von seinem Amt zurück. Im August 1945 war Rattenhuber Initiator der Gründung des Bayerischen Bauernverbandes und kurze Zeit später gehörte er zum Gründungskreis der CSU in München. Ab 15. Februar 1949 war er Mitglied des Wirtschaftsrates in Frankfurt und bewarb sich 1949 erfolglos um ein Bundestagsmandat. Am 16. November 1949 bestellte ihn der Ministerrat zum Bevollmächtigten Bayerns beim Bund mit der Dienstbezeichnung Staatsrat. Diese Funktion nahm er bis zu seinem Tod am 16. November 1951 wahr. Ernst Rattenhuber ist auf dem Friedhof der Kirche St. Nikolaus in Englschalking begraben.

Die Rattenhubers

Haidhauser Ursprünge

Eine Familie Rattenhuber, auch Rättenhueber geschrieben, taucht als Besitzer des Haidhausener »Zeugnerhofes« im Jahr 1585 erstmals auf. Dieser Hof – mit über 200 Tagwerk Grund der größte von Haidhausen – befand sich östlich der alten Haidhauser Johanneskirche auf dem Friedhof (Kirchenstraße / Flurstraße / Einsteinstraße). Zum Anwesen gehörten Acker-, Wiesen- und Waldbesitz in den Steuerdistrikten Berg am Laim, Bogenhausen, Kirchtrudering, Obergiesing und Untersendling. Ein Hans Rättenhueber war laut Geschichtsschreiber Lorenz Westenrieder einer von 204 Reitern, die Herzog Wilhelm V. 1580 zur Verschönerung der Fronleichnamsprozession aus den 28 umliegenden Dörfern von München aufgeboten hatte. Im Totenbuch von Haidhausen erfährt man von einem Johannes Rättenhueber (1669–1739). Dieser hatte dreimal geheiratet: 1697 die Ursula aus Anglprechting, verstorben 1700 mit 21 Jahren, 2 Kinder; 1700 die Maria aus Berg am Laim, verstorben 1712 mit 38 Jahren, 7 Kinder und 1712 die Elisabeth aus Unterföhring, 8 Kinder. Sie verstarb 1750 im Alter von 65 Jahren. Vermutlich der Enkel Joseph Rättenhueber übernahm dann den Hof »beim Zeiger«, auch »Zeichinger« oder »Zeugner« genannt bis zum Tod 1793. Sein Nachfolger Matthias Rattenhuber starb 60-jährig im August 1826. Unter seinem Nachfolger, wieder ein Matthias, wurde der Familienbesitz nach und nach verkauft.

»Loambarone«

In den umliegenden Gemeinden östlich von Haidhausen tauchen im 19. Jahrhundert mehrere Rattenhubers auf, viele als Besitzer von Ziegeleien. Sie machten in den sogenannten Gründerjahren ihr Glück mit dem Abbau von Lehm und zählten zu den »Loambaronen«. So errichtete sich die Kastenbäuerin Franziska Rattenhuber von Zamdorf 1866 eine neue Ziegelei, bestehend aus Ziegelstadel mit Brennofen (heute Gelände Friedrich-Eckart-Straße 2). Der Haidhausener Mattias Rattenhuber ersteigerte 1867 die Zamdorfer Ziegelei von Andreas Maierbach um 52.000 Gulden: diese lag zwischen der heutigen Eggenfeldener Straße und der Denninger Straße. Nachdem er die Ziegelei 1874 an die Aktienziegelei München um 105.000 Gulden weiterverkauft hatte, war er dabei, sich eine neue Ziegelei (Hausnummer Bergerstraße 2 1/2) an der heutigen Kirchenstraße, nahe dem Haidenauplatz, zu errichten. Doch die schon bestehenden und zukünftigen Fabrikgebäude standen der Erweiterung des neuen Bahnhofs in Haidhausen (Ostbahnhof, eröffnet 1871) im Wege. Der unerwartete Aufschwung des Verkehrs, insbesondere des Güterverkehrs, machte eine Vergörßerung der Bahnhofsanlagen durch den Bau weiterer Rangiergleise notwenig. Doch Matthias Rattenhuber und seine Frau verweigerten den Verkauf von circa 10 Tagwerk benötigten Grundes. Die General-Direktion der Königlich Bayerischen Verkehrsanstalten beantragte daraufhin ein Zwangsabtrennungsverfahren. Die Verhandlungen zogen sich über zwei Jahre bis Anfang 1871 hin. Auch die Grundfläche, auf der der Rattenhuber’sche Zeugnerhof (damals Bergerstraße 1) stand, musste 1885 aufgegeben werden. Er wurde für die Erweiterung des Haidhausener Friedhofs benötigt.

1887 kaufte Baumeister Peter Rattenhuber (Großvater des späteren Wirtschaftsministers Ernst Rattenhuber) das Anwesen »zum Bohmer« in Englschalking (Schnorr-von-Carolsfeld-Straße 2). 1912 erfolgte die Übergabe des Hofs durch Franz Rattenhuber an seine Söhne Ernst Michael (geboren am 4.8.1887) und Walter Rattenhuber. Am 5. Juli 1915 heirateten Ernst Rattenhuber und Hedwig Selmayr, Tochter des letzten Bürgermeisters von Bogenhausen. Ernst Rattenhuber übernahm nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Oberleutnant bei der bayerischen Armee gedient hatte, den Hof in Englschalking, widmete sich aber zunehmend der Politik.

In Englschalking steht außerdem ein weiteres Wohnhaus der Familie Rattenhuber: Auf dem Grundstück Flaschenträgerstraße 7 in Englschalking ließen sich Martin und Katharina Rattenhuber 1899 ein Wohnhaus sowie eine Ziegelei errichten. Eine weitere Ziegelei besaßen die Brüder Walter und Erich Rattenhuber in Johanneskirchen an der Freischützstraße – sie war bis 1950 in Betrieb.

Textquelle:

Karin Bernst: Ein Spaziergang durch den Münchner Nordosten. Auf den Spuren mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, Münchner NordOstKalender 2015.

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