»Wirtshaus im Grüntal« hpt © Verein für Stadtteilkultur im Münchner Nordosten e.V., 2008
»Wirtshaus im Grüntal« hpt © Verein für Stadtteilkultur im Münchner Nordosten e.V., 2008

Wirtshaus im Grüntal (ehemalig)

Grüntal 15

Oberföhring-Grüntal

Im Grüntal betrieben die Oberföhringer vor 100 Jahren mit der Kraft des Brunnbachwassers zahlreiche Mühlen. Auf der Fläche nahe der Bruckmühle, der Tuchbleiche, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts Wohnhäuser. 1912 kauften dort der »Restaurateur« Martin Wecker und seine Frau Anna aus Fürstenfeldbruck das damalige bäuerliche Anwesen Oberföhring, Hausnummer 62 (heute Grüntal 15) samt Stallungen. Der neue Besitzer schrieb am 12. November 1912 Folgendes an die Oberföhringer Gemeindeverwaltung:

»Ich habe am 23. September 1912 das Anwesen No. 62 von Herrn Josef Hacker käuflich erworben. Ich beabsichtige durch einen vorschriftsmäßigen Anbau ein Geschäftshaus für den Verkauf von Kaffee, Bier, Wein ec. zu errichten und bitte ich hiemit hohe Gemeindeverwaltung mich für Erteilung einer Konzession in Vormerkung nehmen zu wollen. Seit 10 Jahren betreibe ich die dem k. Militär-Aerar gehörige Bahnhofsrestauration in Fürstenfeldbruck.«

Die gleiche Bitte wiederholte Wecker am 8. Februar 1913 mit folgenden Argumenten: »(…) dass Grüntal von 22 Familien, insgesamt 95 Seelen bewohnt wird. … Münchner Ausflügler dürfte hierorts ein Kaffeehaus mit Bier-Ausschank ein Bedürfnis sein.« Doch die Mitglieder der Oberföhringer Gemeindeverwaltung waren anderer Meinung und lehnten das Gesuch im Februar 1913 unter anderem mit folgenden Argumenten ab:

»(…) nicht zu begutachten, nachdem in der hiesigen 1055 Seelen zählenden Ortschaft bereits 5 Gastwirtschaften, 4 Branntweinschenken, 8 Ziegeleikantinen und 2 Flaschenbierhandlungen bestehen. Das Wecker’sche Anwesen kaum einen Büchsenschuß von der hiesigen großen Schloßwirtschaft entfernt liegt und deshalb von einem Bedürfnis unmöglich gesprochen werden vermag. Im Übrigen auch die bestehenden, hiesigen Gastwirtschaften in ihrer Existenz auf das Bedenklichste gefährdet würden.«

Vom königlichen Bezirksamt München wurde Herrn Wecker das Bauvorhaben (ein Saalanbau) aber bewilligt und auch die Genehmigung für eine Gaststätte, da nun ein Bedürfnis in Hinblick auf den Ausflugsverkehr bejaht wurde. So nahm ein Jahr später die Historie des Hauses als »Restaurant Grüntal« ihren Anfang.

Eine Besonderheit und der „letzte Schrei“ war im Jahr 1948 sicherlich die Einrichtung eines immerhin 185 Zuschauern Platz bietende Kinos in dem Saal, wo sich die Küche der Gaststätte befunden hatte. Bis 1959 wurde hier neben den kulinarischen Genüssen des Gasthauses cineastische Unterhaltung geboten. Leider gibt es über das Kino nur wenige historische Quellen. So schreibt der Oberföhringer Pfarrer Mühlegger 1949:

»Der Kirchenchor brachte anfangs November das Lied von der Glocke (Musik von Romberg) im Kinosaale und 14 Tage später in der Kirche zur Aufführung und es war für alle ein Erlebnis. Der Reinerlös betrug 500 DM (für die neuen Kirchenglocken).«

Doch auch andere Veranstaltungen gab es, so zum Beispiel am 22. Oktober 1950 die Feier des 1200-jährigen Bestehens Oberföhrings. Dazu Pfarrer Mühlegger:

»Am Festtag war auch die Stadt durch 2. Bürgermeister Dr. von Miller vertreten, Schulreferent ect. fehlten nicht. Die weltliche Feier fand statt im Kino-Saale-Grüntal. Kirchenchor verstärkt durch Männergesangsverein und viele freiwillige Sänger (70) brachten unter Leitung von H. Hptl. Bergmaier die herrlichen Chöre aus den „Jahreszeiten“ zur Aufführung. Die Festrede hielt wirklich als „Meister des Wortes“ Herr Stadtbibliothekar Dr. Held, ein kurzes Festspiel verfaßte H. Architekt Höhner (sehr schön!).«

Im Januar 1956 kaufte die Firma Paulaner-Salvator-Thomasbräu AG München um 178.388 DM das Gasthaus Im Grüntal 15. Seit 1979 gehört es der Schörghuber-Gruppe. 1990 übernahm das Gastronomieunternehmen Kuffler-Gruppe das Wirtshaus. Leider reichten denen die Besucherzahlen nicht mehr aus, das Lokal über Wasser zu halten und nachdem der idyllisch am Brunnbach gelegenen Traditionsgaststätte kein Denkmalschutz mehr gewährt wurde (zu viele Umbauten wären am Gebäude durchgeführt worden), wurden schnell Pläne der Bayerischen Bau- und Immobilien-Gruppe Schörghuber GmbH laut, das 7 bis 8 Millionen Euro teure und 3350 Quadratmeter großen Areal mit Luxuswohnungen und Tiefgaragen zu bebauen. Den ersten Bauantrag lehnte man ab, da zu viele Bäume gefällt hätten werden müssen. Wie der Bogenhausener Anzeiger in einem Artikel vom 31 August 2010 berichtete, bildete sich spontan eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Ensembles mit Beteiligung der Stadträtinnen Claudia Tausend und Christiane Hacker. Noch im Herbst 2010 schien sich eine Einigung und somit der Erhalt des Gebäudes, nicht zuletzt aufgrund der von Alexandra Schörghuber gewährten Unterstützung, abzuzeichnen. Aber ein Jahr später scheiterten alle Bemühungen, das Traditionsgasthaus wurde abgerissen. Im Grüntal werden heute keine Gäste mehr bewirtet.

Am 25. Mai 2012 schrieb die „Süddeutsche Zeitung“:

»Grüntal“-Gelände – Luxus-Wohnungen statt Biergarten. Seit 1979 gehörte das Grüntal der Schörghuber Unternehmensgruppe, zu der auch die Bayerische Hausbau zählt. Von 1990 an führten das Gastronomieunternehmen Kuffler (Spatenhaus, Seehaus im Englischen Garten) und die Paulaner Brauerei das Wirtshaus. Im März 2010 war dann Schluss: Die Besucherzahlen hatten nicht ausgereicht, um das Lokal Über Wasser zu halten, es fehlte auch ein schlüssiges Konzept. Nach dem Abriss lag das Grundstück brach. Die Baugrube war mit Wasser gefüllt.. Auf dem Areal entstand schließlich eine Nobel-Anlage für Betuchte.«

Konzepiert hat das Ensemble mit 18 Wohnungen inklusive Tiefgarage die Bayerischen Hausbau mit dem renommierte Münchner Büro Hilmer & Sattler und Albrecht („Palais an der Oper“) im Stil „moderner Klassizität“ mit Gesimsen, Putzvertiefungen, Geländer und Sockel sowie Portalfassungen an den Eingängen. Für den noblen Eindruck hat man wohl auch noble Preise zahlen müssen. Das 100-jährige Wirtshaus hatte angesichts dessen hier wohl niemals wirklich eine Chance.

Literatur:

Karin Bernst, Die Gaststätte »Wirtshaus im Grün-Tal«, in: Kalender 2011 »Ein Spaziergang durch den Münchner Nordosten«, München 2010.

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