Familienunternehmen Georg Grichtmaier

 

Wenn man bis Mitte der 1990er-Jahre auf der Ostpreußenstraße Richtung Englschalking ging, fiel einem rechter Hand, direkt an der Kreuzung Memeler Straße ein markantes, lang gezogenes Gebäude auf: die Werkstatt der Wagnerei und Karosseriebaufirma  Georg Grichtmaier. Ein circa 30 Meter langer und 8 Meter breiter Bau, der erste Stock  war ein spitzes Satteldach. Auf der Ostseite gab es einen Anbau, die Montagehalle.

 

 

 

 

 

 

Dieses Werksgebäude wurde 1942 während des Kriegs auf Veranlassung des Generalluftzeugmeisters Ernst Udet (18961941) errichtet. Georg Grichtmaier und Udet sind im Ersten Weltkrieg Kriegskameraden gewesen, deren Kontakt zueinander nie abgerissen war, und so baute die Firma Grichtmaier diversen Holzteile für Flugzeuge. Damals hatten die Flugzeuge noch so manches Teil aus Holz, was heute aus Aluminium wäre. Die Firma hatte alles, was ein damals moderner Betrieb brauchte: Parterre der größte Raum die Werkhalle mit sechs Hobelbänken, südlich davon der Maschinenraum mit einer Absauganlage, nördlich die Werkzeugschleiferei, Waschraum und WC und im Keller die Holzbiegeanlage und die Trockenkammer. Diese Wagnerei dürfte zu damaliger Zeit die einzige Holzbiegeanlage in München gehabt haben.

 

Alles hat einen Anfang und mit dem sollte man auch beginnen, und es begann mit der Lehre des Georg Grichtmaier bei der Wagnerei Ebert in der Paradiesstraße 9 im Münchner Stadtteil Lehel. Georg war wohl ein guter Lehrling und Geselle und ein fescher Bursch und so hat die Tochter seines Meisters ein Auge auf ihn geworfen und er wohl auch auf sie. Sie haben sich verliebt und er hat in die Familie Ebert eingeheiratet. Die Produktpalette war anfangs die übliche einer Wagnerei, bis eines Tages ein Kunde Ski von einer Reise nach Norwegen mit nach Hause brachte und diese Herrn Ebert zeigte. „Des kenna mia a“  war sein trockener Kommentar und es war die Geburtsstunde des Ebertskis. Seit 1898 fertigte die Firma Ebert/Grichtmaier Ski, später auch andere Sportartikel.

 

Die Familien Ebert sen. und Grichtmaier jun., wohnten und arbeiteten im Lehel zusammen. 1927 wurde den Grichtmaiers ein Stammhalter, der Sohn Rudolf geboren. 1928 entschloss sich die Familie zum Bau einer Sommervilla auf ihrem Grundstück in Denning. Architekt war K. Högel aus der Reitmorstraße 2 im Lehel, die Bauausführung oblag der Denninger Firma Obermeier .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem der Grund von Hand ausgehoben, die Mauern hochgezogen und der Dachstuhl aufgerichtet war, wollte man Richtfest feiern. Dazu luden die Grichtmaiers den Kurat Friedrich Jakob und Wilhelm Flaschenträger, den Bürgermeister der Landgemeinde Daglfing ein. Auf die Frage: „Wo baust du denn?“, antwortete Grichtmaier: „In Denning, am Weg nach Englschalking.“ Straßennamen waren bei uns noch nicht üblich, die Ostpreußenstraße hatte ihren Namen noch nicht. Flaschenträger, er hatte bekannterweise Ärger mit den Denningern wegen der Eingemeindungsverhandlungen nach München, lehnte schroff ab: „Nach Denning soll i kumma, na zu dene Kratler geh i net!“ Und so wurde ohne Bürgermeister, aber mit kirchlichem Segen und den frommen Sprüchen der Zimmerleute gefeiert. 1929 zog die Familie ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der NS-Herrschaft begann die militärische Aufrüstung in Deutschland. Die Firma Grichtmaier bekam nun Aufträge von der Luftwaffe. Die ersten Arbeiten waren Gleitkufen für das Schulflugzeug „Fiseler Storch“. Es war vermutlich günstiger, die Flugschüler mit Kufen starten und landen zu lassen, als mit einem Fahrgestell. Die Kufen wurden alle noch in der Werkstatt Paradiesstraße im Lehel gefertigt. Erst während des Krieges wurde die Fertigung der Flugzeugteile in die neue Werkstatt nach Denning verlegt.

 

Während des Kriegs hatte man vier Altgesellen und circa zehn französische Fremdarbeiter. Das Firmenauto wurde beschlagnahmt und durch eine Pferdekutsche ersetzt. Sohn Rudolf wurde nach dem Arbeitsdienst, 17-jährig, noch zur Wehrmacht eingezogen und nahe dem österreichischem Kloster Aigenschlägl von den Amerikanern gefangengenommen. Rudolf hatte großes Glück, er wurde Putzer bei einem US-Major. Dabei hatte er Zugang zu herumliegenden Entlassungsformularen und so hat er sich pfiffigerweise 1945 selbst nach Hause entlassen, gerade noch rechtzeitig, um sich von seiner todkranken Mutter zu verabschieden. Nach dem Krieg ging es auch in Denning drunter und drüber, die US-Behörden wollten die Villa beschlagnahmen, doch die französischen Fremdarbeiter verteidigten den Besitz der Grichtmaiers mit den Worten: „Gutes Mann, nix beschlagnahmen.“ Immer vier Franzosen bewachten dann das Anwesen der Familie Grichtmaier, damit nichts passierte.

 

Es kam die Zeit des Wiederaufbaus, jetzt brauchte München Bauwägen. Sohn Rudolf begann mit der Wagner-Lehre im elterlichen Betrieb. Der Münchner Bürgermeister Thomas Wimmer kam: „Du Schorsch, mia brauchen Schaufel- und Hackenstiele, mia miaßn auframma.“ Es war die Zeit des „Ramma dama“ in München. Rudolf Grichtmaier hatte eine tolle Idee, er schuf den absetzbaren Bauwagen, das Fahrgestell konnte man sich bei seiner Firma ausleihen, es war der Vorläufer des Containers. Spezialanfertigungen von Schaustellerwägen, wie den fahrbaren Stall für die hölzernen Pferde  von „Prölls toller Jagd“, oder die Bögen des Wiesn-Traditionsfahrgeschäfts „Krinoline" oder ein Festwagen für den "Cannstätter Wasen", nur um einige zu nennen,  wurden in Denning gebaut. Weil wir gerade bei den Pferden sind, wenden wir uns gleich den Trabern zu, die Werkstatt fertigte in Zusammenarbeit mit dem Schmied Mayer in Englschalking die super leichten Sulkys für die Trabrennpferde.

 

 

 

 

 

Ein wichtiger Auftraggeber war aber auch die Firma Kaltenbach in der Erzgießereistraße in der Maxvorstadt, für die wurden jetzt die gebogenen Stuhllehnen hergestellt. Aber nicht nur Neues wurde in der Wagnerei hergestellt, es wurde auch fleißig restauriert und wieder hergerichtet. Aus alt mach neu. Eine Spezialität waren die zierlichen Räder für die eleganten Einspänner-Jagdwagen, sie waren  so eine Art Landauer. Georg Grichtmaier war eine anerkannte Größe im Wagnerhandwerk, er bildete Lehrlinge aus und war Innungsmeister.

 

1965 kam dann das Aus in Denning, die Räume wurden verpachten und 1972 gab die Familie Grichtmaier auch den Laden und die Werkstatt in der Paradiesstraße auf. Die Walmdach-Villa in der Ostpreußenstraße wurde im Dezember 1995 abgerissen und durch einen modernen Wohnblock ersetzt.

 

 

 

 

Nach Gesprächsnotizen vom 22. Januar 2014 mit Frau und Herrn Grichtmaier sen. und Frau Dorothea Grichtmaier. Die Fotos wurden mir freundlicherweise von der Familie zur Verfügung gestellt.

Josef Krause. Februar 2014

 

 

 

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Abbildungen von oben nach unten: