Die sich in den Jahren 1954/1955 rasch vollziehende Entwicklung der Parkstadt Bogenhausen erforderte die Einrichtung eines neuen Seelsorgebezirks. Gleichzeitig damit wurde dem Architekten Sep Ruf der Bau einer neuen Kirche und ihrer Nebenbauten übertragen. Noch im Jahr 1957 entstand das erste Modell und bereits 1958 konnte der Pfarrsaal eingeweiht werden, der bis zur Vollendung des Gotteshauses als Notkirche diente. Die Grundsteinlegung der Kirche des heiligen Johannes Capistranus fand am 12. April 1959 statt, die Weihe durch Kardinal Wendel am 26. Juni 1960. Der Kirchenbau zählt zu den bedeutendsten Sakralbauten der Nachkriegszeit in Deutschland. Durch die Reduktion der Formen und Materialien sowie die konzentrierte Lichtführung entfaltet sich eine einzigartige Raumwirkung. Das Kirchengebäude wurde 1982 in die Denkmalliste eingetragen.
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St. Johann von Capistran Katholische Pfarrkirche
Gotthelfstraße 3
Bogenhausen-Parkstadt
Weiterführende Informationen
Der 12,40 Meter hohe, fensterlose Sakralraum aus rotem Sichtziegelmauerwerk setzt die Idee des Zentralbaus mit dem Altar in der Mitte um – ähnlich wie zwei Jahre später der Bau der evangelischen Nazarethkirche (1962). Der Grundriss zeigt zwei ineinander liegende Kreise (32 und 28 Meter Durchmesser), deren Mittelpunkte gegeneinander verschoben sind und die am Portal zusammentreffen. Der innere Kreis nimmt den Kirchenraum auf; die Kirchengemeinde sitzt an drei Seiten um den Altar. Ruf ersammelt damit noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. das einen Gottesdienst »versus populo« vorsieht, die Gemeinde um den Altar.
Haupt- und Sakramentaltar mit Tabernakel befinden sich auf einem Podest unter einer Lichtkuppel. In dem sichelförmigen, bis zu 4 Meter breiten Zwischenraum sind Taufkapelle (mit einem Taufstein nach Entwurf von Sep Ruf), Beichtraum und Sakristei, im oberen Geschoss die Sängerempore und ein Raum für die Orgel von C. Schuster & Söhnen (München) untergebracht. Über dem wuchtigen Altarblock aus Nagelfluh, der weit in die Mitte unter das Licht der Kuppel gerückt ist, hängt das 1999 entstandene Zentralkreuz aus chinesischen Federn von Hans Langner und Wolf-Dietrich Schirner.
Die zweiflüglige westliche Eingangstür aus Bronze mit den Reliefs verschiedener biblischer Figuren stammt vom Erlanger Bildhauer und Erzgießer Heinrich Kirchner, darüber befindet sich ein von Josef Oberberger entworfenes Glasfenster.
Der Rundbau wird von einer mächtigen Stahlfachwerkkonstruktion mit innerem Druckring frei überspannt. Die Zugkräfte der 4,50 Meter über den Mauerrand auskragenden Konstruktion werden über 22 dünne, im Abstand von 5,35 Meter angeordneten Pendelstäben aus Stahl abgetragen. Ein Lichtband trennt den zylindrischen Baukörper von dem mit Kupferblech gedeckten Dach, sodass im Inneren die mit Holz verkleidete Decke über einem Lichtkranz zu schweben scheint. Das sich in der Mitte öffnende, fünf Meter große Lichtauge ist mit einer Plexiglaskuppel abgedeckt.
An der Nordwestecke des Grundstücks liegt der 16 x 16 Meter große und vier Meter hohe Pfarrsaal, den Ruf als dreiseitig geschlossenen Ziegelquader ausführte. Nur über die Ostseite, eine Betonwabensteinwand mit Gussgläsern, und den Eingang fällt Licht ins Innere. Eine über drei Meter hohe Ziegelmauer verbindet die Kirche nach Süden mit der über 17 Meter hohen Glockenwand, die für drei im Freien hängende Glocken Platz bietet. Dahinter liegt der Pfarrhof mit einem eingeschossigen Nebengebäude mit Amts- und Jugendgruppenräumen sowie Bibliothek und Wohnungen für Seelsorger und Mesner. Aufgrund des schlechten Bauzustands wurde der Pfarrsaal 1990 abgetragen und in der ursprünglichen Form wieder aufgebaut. Im Außenbereich ersetzt heute ein Betonpflaster den Klinkerbelag.
An der Ostseite (Gotthelfstraße) der Kirche erhebt sich frei stehend das Denkmal des Kirchenpatrons St. Johann von Capistran, vom Bildhauer Prof. Josef Henselmann. Im Innenhof des Pfarrzentrums wurde 1992 eine Brunnenskulptur Jonas mit Walfisch des Bildhauers Roland Friederichsen aufgestellt.
Aus Gründen des akuten Priestermangels und des weiteren Rückgangs der Katholikenzahlen gehört St. Johann von Capistran seit Herbst 2008 dem Pfarrverband Bogenhausen-Süd (zusammen mit den katholischen Pfarreien St. Rita und St. Klara) an.
Literatur:
- Krack, Roland (Hg.): Die Parkstadt Bogenhausen in München, München 2006.
- Informationsbroschüre “ St. Johann von Capistran“, Verlag Schnell & Steiner, 2003.
- Nerdinger, Winfrid (Hg.): Sep Ruf, München 2008.