Möhlstraße © dietlind pedarnig (2007)
Möhlstraße © dietlind pedarnig (2007)

Möhlstraße

Bogenhausen

Von der Prinzregentenstraße unweit des Friedensengels (Europaplatz) bis zur Montgelasstraße reicht die Möhlstraße. Kaum mehr als 800 Meter lang, bildet sie das »Rückgrat« des denkmalgeschützten Ensembles Bogenhausen und umfasst 35 Anwesen, zumeist noch großbürgerliche Villen der Erbauerzeit von 1880 bis Ende 1918. Benannt wurde sie um 1895 nach dem Königlichen Hofgärtendirektor Jakob Möhl, der die Pläne für das neue Villenquartier vorlegte.

Dr. Willibald Karl und Dr. Gisela Scola ist es zu verdanken, dass die Geschichte der Möhlstraße und ihrer Bewohner noch heute lebendig ist. Sein 1998 herausgegebener Bildband »Die Möhlstraße. Keine Straße wie jede andere« (Neuauflage 2002) dokumentiert jedes einzelne Anwesen der Straße – oft belegt mit unschätzbarem fotografischem Material. Das Buch bildet mit freundlicher Genehmigung der Autoren die Grundlage des interaktiven Übersichtsplans »Möhlstraße« dieser Webseite. Seine im Rahmen der Münchner Volkshochschule angebotenen Führungen durch diese Straße seien zudem ans Herz gelegt. Hier wird Historie und Kunstgeschichte nicht nur in trockenen Zahlen und Fakten abgerufen, sondern mit zahllose Anekdoten und Geschichten das Bild von Menschen lebendig vor unsere Augen geführt, die hier ihr Zuhause hatten. Die Möhlstraße ist tatsächlich „keine Straße wie jede andere“, drängt sich doch hier in diesem topographisch kleinen Raum weit über das Münchner Lokalkolorit hinausgehende deutsche Historie von über zwei Jahrhunderten zusammen.

1. Bauphase

Gleich nach der Eingemeindung Bogenhausens am 1. Januar 1892 begann die Erschließung des neuen Siedlungsgebietes und die Anlage der im vom Königlichen Hofgärtendirektor Jakob Möhl vorgelegten Plan vorgesehenen Straßen und die Bauplatzaufteilung. Die Bebauung begann (mit einer Ausnahme) bei den Parzellen, die durch die Abtrennung des östlichen Teils der Liegenschaften des »Königlichen Beamtentöchterstifts« in Neuberghausen entstanden waren. Die ersten Anwesen im neuen Villenquartier sicherten sich die damalige Bogenhauser Prominenz:

Eckhaus Villa Düll (HsNr. 31): Baujahr 1893; Besitzer: Künstler und Bildhauer Heinrich Düll, der drei Jahre später mit dem Auftragswerk des »Friedensengels« beginnt.

Doppelvilla Seitz / Möhl (HsNr. 35 und HsNr. 37): Baujahr 1894; Besitzer: Baumeister Georg Hagen bzw. der Königliche Hofgärtendirektor a.D. Jakob Möhl.

Villa Selmayer (HsNr. 12): Baujahr 1894; Besitzer: der letzte Bürgermeister Bogenhausens Josef Selmayr.

2. Bauphase:

Das Münchner Großbürgertum der Prinzregentenzeit fand sehr bald Gefallen an der ruhigen und vornehmen Wohnlage und bald reihte sich um die Jahrhundertwende eine repräsentative Villa an die andere – man konnte es sich leisten zu zeigen, was man hat. Kunsthistorisch besonders schöne Gebäude sind in dieser Hinsicht sicherlich die malerisch-neubarocke Villa von Julius Kaufmann, einem Druckerei- und Kriegskreditbankdirektor (HsNr. 21) und die palastartige Neubarockvilla von Kommerzienrat Hugo Kustermann (HsNr. 3) sowie die vornehm-venezianische mit Jugendstilelementen versetzte Privatiersvilla von Karl Schneider (HsNr. 27). Schnell erkannten aber auch findige Unternehmer wie das Gastwirtsehepaar Anna und Lorenz Betz (Besitzer der zu dieser Zeit florierenden »Betz’schen Gastwirtschaft«) den Wert der Möhlstraßen-Grundstücke. Sie ließen sich drei Villen von Architekt Hans Seidl bauen (HsNr. 12a, HsNr. 14 und HsNr. 16) um diese sofort wieder (gewinnbringend) zu verkaufen. Ähnlich erging es den von den Architekten Alphons Hering (HsNr. 20) und Philip Adam (HsNr. 28) erbauten Gebäuden. Bis heute sind sie einem starken Besitz- und Funktionswandel unterworfen gewesen.

3. Bauphase:

Nach einer kurzen Baupause bildet eine Gruppe von neuen Villen, erbaut zwischen 1906 und 1909 einen vorläufigen Abschluss in der Entstehungsgeschichte der Möhlstraße. Als Beispiel dafür ist die 1906 gebaute prachtvolle Villa Wannieck-Moll (HsNr. 32) zu nennen, eine der mächtigsten Anwesen der Möhlstraße, das sich bis zur Ismaninger Straße erstreckte, gefolgt von der daneben angrenzenden Villa der Privatiere Klara Herz (HsNr. 30/30a), ein ein Jahr später entsteht. Der zu diesem Zeitpunkt schon fast geschlossene Straßenzug war nun endgültig fest in der Hand von Spekulanten und Investoren, finanzkräftigen Käufern und Bauerherrn. Die 1908 erbauten Villen der Brauereidynastie Pschorr (Hs.Nr. 2 und HsNr. 23) zeugen ebenfalls von der Dominanz der Unternehmer und Magnaten in der Möhlstraße vor dem Ersten Weltkrieg.

Das Wohnviertel an der Möhlstraße blieb zunächst trotz Krieg und Revolution, Abschaffung der Monarchie und Räteherrschaft und der damit einhergehenden tiefen Verunsicherung des Bürgertums weiter nur den obersten Schichten der Gesellschaft vorbehalten. Wirtschaftliche und familiäre Zwänge (die Gründergeneration war am Wegsterben, oft gab es keine Kinder und Erbauseinandersetzungen zwangen zum Verkauf von Liegenschaften) führten aber in den 1920er Jahren zu vielen Um- und Einbauten in die Villen, die dann weiter- und untervermietet wurden. Damit begann gleichzeitig eine Phase der sozialen Umschichtung der Bewohner der Möhlstraße – nun standen die vornehmen Villen nicht nur den „Großkopferten“ zur Verfügung. Dem Zeitgeschmack entsprechend erhielten einige der alten Villen durch Umbau jetzt auch ein neues Gewand im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ bzw. wurden neu mit kargem Äußeren errichtet, wie zum Beispiel die Villa von Chemie-Nobelpreisträger Prof. Richard Willstätter (HsNr. 29).

Nach der Machtübernahme Hitlers änderte sich die Einwohnerschaft der Gegend. Allerhöchste Repräsentanten der NSDAP lebten nun in der Nachbarschaft mit wohlhabenden Juden, deren Besitz nach und nach enteignet wurde. In der Möhlstraße wohnte unter anderem zeitweilig Heinrich Himmler (erst in der ehemalige Kullen-Villa, HsNr. 19, dann gegenüber in HsNr. 12a). Gleichzeitig hatten in der Möhlstraße Bogenhauser Widerstandskämpfer hier ihr Quartier: so Ludwig Freiherr von Leonrod, dessen Familie die enteignete Villa HsNr. 21 der jüdischen Familie Kaufmann nach deren Tod erworben hatte oder der Kulturphilosoph Theodor Haecker, der seit 1928 im Dachgeschoss des Schreiber-Verlags in der Möhlstraße 34 wohnte. Die jüdischen Familien gehörten zur „Gründergeneration“ der Möhlstraße und nur wenige kehrten Deutschland nach der Machtergreifung 1933 sofort den Rücken. Nach dem Pogrom am 9. November 1938 wurden die Juden der Möhlstraße aus ihren bisherigen Wohnungen und Häusern vertrieben und in sogenannten „Judenhäusern“ (Villa HsNr. 9 und Villa HsNr. 30) zusammengepfercht und von der übrigen Bevölkerung isoliert. So begann für alle Juden der Möhlstraße der Weg, der bestenfalls noch in der Emigration, schlimmstenfalls in Demütigungen und Selbstmord, Verschleppung, KZ und Vernichtung führte.

In der Möhlstraße befand sich außerdem ein Außenlager des Konzentrationslager Dachaus, über dessen Belegstärke jedoch Unklarheit herrscht. Erstmalig erwähnt wird es in einer Meldung über den Tod von zwei Häftlingen durch einen Bombenangriff am 9. Juni 1944. Bereits vor diesem Datum muss daher ein Kommando von Dachauer Häftlingen hier zum Einsatz gekommen sein, eine genauere Datierung ist jedoch nicht möglich. Die Gefangenen stammten aus dem Deutschen Reich, Italien, Jugoslawien, Russland und Polen und sie waren mit Instandsetzungsmaßnahmen betraut, eventuell auch mit dem Bau eines Luftschutzbunkers. Letztmalig wird das Außenlager am 25. April 1945. Ein Ermittlungsverfahren der Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg 1973/74 wird mangels Erkenntnisse eingestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die leerstehenden Häuser von den US-Militärbehören beschlagnahmt und den verschiedensten Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt. Bekannt wurde die Möhlstraße (und das in ganz Deutschland) auch wegen des Schwarzhandels, den man hier unter dem Schutz der Militärbehörde betrieb. Erst 1950, zwei Jahre nach der Währungsreform, löste sich der Markt endgültig auf. Mehr zum Schwarzmarkt in der Möhlstraße

Viele Villen in der Möhlstraße haben den Bombenkrieg überstanden, doch in den 1970er-Jahren kam es zu einer „zweiten Zerstörung“ des Viertels, als wirtschaftliche Aspekte eher den Abriss einer alten Bausubstanz als deren Bewahrung diktierten. Nicht selten gerieten auch Gebäude unter die Abrissbirne, die nicht durch Kriegsschäden und Nachkriegswirren gelitten hatten. Dennoch sind noch ca. 19 – jetzt unter Denkmalschutz stehende – Anwesen in der Möhlstraße zu finden.

Verwendete Textquellen zur Möhlstraße: (im Folgenden abgekürzt verwendet)

  • Willibald und Katharina Karl, Gisela Scola: Die Möhlstraße. Keine Straße wie jede andere, München 1998.
  • Benedikt Weyerer: München 1933 – 1949. Stadtrundgänge zur politischen Geschichte, München 2006.
  • Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945 Band 1 und 2, herausgegeben von Stadtarchiv München, bearbeitet von Heusler, Andreas / Schmidt, Brigitte / Ohlen, Eva / Weger, Tobias / Dicke, Simone, München 2003, 2007.
  • Maier, Lily (Hg.): Die Möhlstraße – Ein jüdisches Kapitel der Münchner Nachkriegsgeschichte, in: Münchner Beiträge zur jüdischen Kultur und Geschichte, Jg. 12, Heft 1, 2018, URL: https://www.jgk.geschichte.uni-muenchen.de/muenchner-beitraege/2018_1/2018_1.pdf
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