hpt © Verein für Stadtteilkultur im Münchner Nordosten e.V.
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Skulptur „Wotan“ (Odin)

Odinstraße

Bogenhausen-Priel

Im Wotans- oder Odinshain im Stadtteil Bogenhausen-Priel, sozusagen »im Rücken« des 1983 errichteten Klinikums Bogenhausen, steht auf einem Sockel über mächtig aufgetürmten Felsbrocken seit 1874 ein Standbild des Göttervaters Wotan (Odin) aus Kelheimer Marmor. Der finster dreinblickende germanische Gott des Krieges hat seinen rechten Arm samt Speer im Laufe der Jahrzehnte eingebüßt. Er ist eben in die Jahre gekommen, so wie die nördlich ein paar Schritte weiter davon liegende Villa »Am Priel«, die sich Kunstmaler Anton Höchl 1852 bauen ließ. Mit der Herstellung der Figur beauftragte er den zu dieser Zeit noch wenig bekannten Bildhauer Heinrich Natter. Das durch Wind und Wetter bröckelnde Denkmal soll nun 2017 durch den Verein NordOstKultur restauriert werden.

Südlich der Statue liegt die Kleingartenanlage Schlösselgarten. Verwunschen zeigt sich heute der von Gestrüpp und Dornen überwucherte Ort dem Besucher – ein krasser Gegensatz zur akkuraten Hightech-Architektur des großen Krankenhauskomplexes mit seiner signalfarben-grünen Fassadenbemalung.

Der Kreisheimatpfleger Fritz Lutz hat im »Münchner Stadtanzeiger« (Nr. 43, 7. Juni 1985) die Entstehungsgeschichte des »Göttervater im Wotansgarten am Priel« wie folgt beschrieben:

»Der Architekturmaler Anton Höchl hatte nach 1852 den Besitz seines Vaters, des Stadtmaurermeisters und Ziegeleibesitzers Josef Höchl, der mit seiner Baufirma einen großen Teil der Klenze- und Gärtnerbauten des ludovizianischen Münchens ausführte, zu einer hübschen Villa ausgebaut. Dort malte und musizierte er als reicher ‚Realitätenbesitzer‘ und traf sich mit vielen Künstlern, angesehenen Bürgern und Adeligen, darunter mit dem in der Nachbarschaft am Priel angesiedelten Herzog Max in Bayern, der ‚Zithermaxl‘ und Vater der Kaiserin Sissi von Österreich.

Ostwärts dieser Künstlervilla […] liegt ein hübscher Buchen- und Lindenhain, dessen alte Bestände auf den 1803 abgeholzten Prielwald zurückreichen können. In diesem Hain steht auf einem Podest ein großes, leider beschädigtes Steindenkmal des bärtigen germanischen Göttervaters Wotan oder Odin (danach ist die Odinstraße und der benachbarte Wotansgarten, heute nur noch als Rest vorhanden, benannt.) Der finster blickende Gott stützt sich mit seiner Linken auf einen mächtigen Schild; der rechte Arm mit dem Speer fehlt, vermutlich durch Kriegseinwirkung.

Was hat es nun mit dieser Figur für eine Bewandtnis? Anton Höchl, der ein gastliches Haus führte, war mit dem aus Tirol stammenden Heinrich Natter befreundet. Dieser war Schüler von J. Geyer in Augsburg und Matthias Widmann in München [Anm. d. Red.: dem Schwiegervater von Josef Höchl] und brachte es in seinem Fach zu europäischen Ruhm. So stammen die Denkmäler des Komponisten Robert Schumann in Leipzig und Joseph Haydn in Wien, für den Minnesänger Walter von der Vogelweide in Bozen und den Reformator Ulrich Zwingli in Zürich und den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer auf dem Berg Isel bei Innsbruck von Bildhauer Natter.

Aus der Freundschaft Höchls mit Natter entstammt der Wunsch des Kunstmalers nach einer Statue für den Schlosshain am Priel. Am 25.7.1871 schrieb Höchl in sein minutiös geführtes Tagebuch (im Stadtarchiv München): ‚Heute gab ich dem Bildhauer Natter den Auftrag zur künstlerischen Erfindung und Ausführung einer kolossalen Wotansstatue in Kelheimer Kalkstein, 9 Fuß Höhe.‘ (1 Fuß = rund 30 cm)

Im Januar 1873 war es dann soweit, daß die Figur im Atelier des Künstlers in München öffentlich aufgestellt werden konnte. Das Werk muß so gut gefallen haben, daß es am 15. April 1873 zur Weltausstellung in Wien geschickt wurde, wo es bis Anfang Februar 1874 zur allgemeinen Bewunderung stand. Ende März ließ Höchl das Fundament im Hain herausmauern, und am 5. Juni 1874 stellte der ebenfalls mit Höchl befreundete Xaver Westermayer (gest. 1895 in München) die Figur auf. (Außerdem zierte das Gipsmodell einer Siegfriedgruppe vom gleichen Künstler ab 1876 den Garten vor dem Höchlschlößl).

Leider hat der Zahn der Zeit in den vergangenen 90 Jahren dem Wotan aus Kelheimer Marmor arg zugesetzt. Dankenswerterweise hat die Münchner Stadtverwaltung in der letzten Zeit nicht nur die seit dem Krieg verwahrloste Figur reinigen lassen, sondern auch den Odinhain im Zug der Verschönerung des Klinikumfeldes durchforstet.«

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